Anforderung an eine Lernplattform

Notwendige Anforderungen an eine Lernplattform

Aus Sicht des Vereins moodleSCHULE e.V. ist die Nutzung von Lernplattformen im Bildungsbereich unbedingt notwendig. Lernplattformen sind die zentrale Anlaufstelle für die Aufgaben und Ergebnisse einer Lerngruppe, einer Klasse bzw. einer Schule. Jede Schule braucht eine eigene Lernplattform, mit der sich Schulleitung, Lehrkräfte und Lernende identifizieren können. Die Lernplattform muss Präsenz- und Distanzlernen gleichermaßen unterstützen. 

Die Lernplattform muss Werkzeuge haben, über die Materialien bereitgestellt (Text, Datei, Foto, Video, Audio, H5P, Verzeichnis) und Ergebnisse eingesammelt werden können (Abgabe von Text, Datei, Foto, Video, Audio). Die Lernplattform braucht aber auch sozial-kommunikative Werkzeuge (Mitteilungen, Forum, Chat, Abstimmung, Videokonferenz) wie auch kooperative Werkzeuge (Wiki, Glossar, Datenbank, Etherpad, kollabiratives Office-Programm). Mit der Lernplattform sollten Zusammenhänge erfragt (Befragung), aber auch Lernstände abgeprüft (Test, Lektion, Feedback, Befragung) werden können. Besonders wichtig für das Lernen mit unterschiedlichen Sinnen ist die Bereitstellung von multimedialen Lernangeboten (Text, Buch, eBook, Wiki, Video, Audio, H5P). Damit die Lernangebote möglichst individuell und differenziert an die Lernenden herangetragen werden können, braucht die Lernplattform für die Erstellung von Lernpfaden ganz unterschiedliche Voraussetzungen der bedingten Verfügbarkeit (Erledigung vorheriger Aufgaben, insgesamt erreichte Punktzahl, Zugehörigkeit zu einer Lerngruppe, Zeit seit Beginn einer Unterrichtsreihe). Lernförderlich sind Belohnungen und Auszeichnungen (Gamifikation, Badges, High Score, Zertifikat).

Die Lernplattform muss die Anforderungen an den deutschen Datenschutz erfüllen und sollte in Deutschland gehostet werden. Sensible personenbezogene Daten von Lehrkräften und Lernenden gehören nicht in die Hände von weltweit agierenden Großkonzernen wie etwa Google, Microsoft, Apple oder Amazon. Personenbezogene Daten dürfen nicht auf Servern gehostet werden, die außerhalb des Geltungsbereichs deutscher und europäischer Datenschutzgesetze betrieben werden. Personenbezogene Daten dürfen aber auch nicht auf Servern gehostet werden, deren Standort zwar in Deutschland ist, deren Zugriff aber für datensammelnde Firmen oder ausländische Geheimdienste freigegeben ist (Privacy Shield). Bei international aufgestellten und kommerziell agierenden Firmen besteht die Gefahr, dass der Server ohne Absprache an Standorte verlagert wird, bei denen das Hosting preiswerter erfolgen kann (Amazon Web Services AWS, Microsoft Cloud Services, Google Cloud Platform).

Die Lernplattform muss mit allen digitalen Lerngeräten (Desktop-PC, Notebook, Tablet und Smartphone) gleichermaßen zugänglich sein und bedient werden können. Die Lernplattform sollte im Idealfall modular aufgebaut und für alle Bedarfe anpassbar sein. Für besondere Anforderungen (z.B. Corona) muss die Lernplattform leistungsfähig und hoch skalierbar sein. Darüber hinaus sollte die Lernplattform frei zur Verfügung stehen, offene Standards erfüllen, vollständig anpassbar sein (Open Source) und eine starke Community haben. Die Lernplattform sollte in einem Rechenzentrum im Internet gehostet werden, um aus der Schule heraus, zu Hause und unterwegs schnelle Zugriffe zu ermöglichen, denn zeitgemäßes digitales Lernen sollte zu jeder Zeit und an jedem Ort möglich sein.

Zur Datenablage aller Lehrkräfte und aller Lernenden sollte außerhalb der Lernplattform ausreichend zusätzlicher Speicherplatz in personenbezogenen Datenverzeichnissen zur Verfügung stehen. Als vertrauensvolle Open-Source-Lösung kommt hierfür die NextCloud in Frage. Die NextCloud sollte dort installiert sein, wo die meisten Lerndaten anfallen, also innerhalb der Schule. Bis auf weiteres sind die Verbindungen der Schulen ins Internet nicht leistungsfähig genug, um schnell große Datenvolumen hoch- und runterzuladen. Auch mit einer flächendeckenden Glasfaserverbindung aller Schulen wird der Übergang vom Schulnetz ins Internet eine Engstelle bleiben. In der Schule entstehende große Videodateien müssen nicht unbedingt auf einem Server im Internet gespeichert werden, wenn sie vornehmlich in Projekten innerhalb der Schule weiterverarbeitet werden.


Moodle ist eine skalierbare Lernplattform, die alle Anforderungen erfüllt

Die Lernplattform Moodle erfüllt alle vorher genannten Anforderungen. Moodle ist die weltweit am meisten genutzte Lernplattform. Moodle gibt es als sehr große Instanzen (weltweite Moodle-Community, weltweite Plattform des Goethe-Instituts), als große Plattformen von Universitäten, Organisationen oder Firmen und mittlere Plattformen für Schulen. Moodle kann kostenfrei selber gehostet werden, wenn man den Server selber bereitstellt und Personal für die Wartung und Sicherung hat. Die kleinste Moodle-Plattform ist wohl die MoodleBox https://moodlebox.net, läuft auf dem Minicomputer Raspberry Pi und kann mit einer PowerBank auch in mobilen Lernsettings eingesetzt werden. 

Viele Schulen, Universitäten und Institutionen setzen auf die Lernplattform Moodle, mit dabei die Pädagogischen Landesinstitute in zahlreichen Bundesländern  … Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt. Ganz wesentlich für eine erfolgreiche Arbeit mit einer Lernplattform ist die umfassende Fortbildung der Lehrkräfte und die Verfügbarkeit von freien Kursen (OER - Open Educational Resources). Fortbildung und Materialien binden bei kommerziellen Lernplattformen in der Regel weitere Finanzmittel, ohne einen dauerhaften Fortbestand der Lernplattform sicherzustellen. Die Lernplattform kann in jedem Rechenzentrum gehostet werden. Die Software selber ist kostenlos und Open Source.

Weitere Infos zu Moodle und seiner weltweiten Nutzung finden sich unter https://moodle.com/de/lms/ und https://stats.moodle.org. Der deutsche Moodle-Partner eLeDia GmbH in Berlin https://eledia.de berät zahlreiche pädagogische Landesinstitute verschiedener Bundesländer für deren Hosting von Moodle, bietet aber auch selber das Hosting von Moodle im Auftrag an, wie z.B. mit LOGINEO NRW LMS https://www.logineo.schulministerium.nrw.de/LOGINEO-NRW/NEU-LOGINEO-NRW-LMS-Lernmanagementsystem/


Entwicklung und Bereitstellung neuer Lernplattformen 

Ziel von Politik und Verwaltung muss sein, schulische und außerschulische Bildung an die Bedürfnisse von zeitgemäßem Lernen und Arbeiten in der digitalen Gesellschaft heranzuführen. Ziel muss auch sein, mit den Steuern der Bürger sparsam und sachgerecht umzugehen. Im Rahmen des Digitalpakts Schule gibt es eine regelrechte Schlacht um die bereitgestellten Gelder, allerdings häufig ohne das eigentliche Ziel im Blick zu behalten. Auch wenn momentan viel Geld zur Verfügung steht, sollte Politik und Verwaltung umsichtig damit umgehen und sinnlose Ausgaben vermeiden.

Warum muss also eine neue Lernplattform HPI Schul-Cloud durch die Bundesregierung in Auftrag gegeben und mit mehreren Zig-Millionen Euro Steuergeld gefördert werden? Die HPI Schul-Cloud befindet sich im Moment in einem kostenfreien Erprobungsstadium. Die HPI Schul-Cloud ist das Produkt eines der Hochschule Potsdam nahestehenden Startups "Digital Engineering gGmbH“. Welche Kosten letztendlich für die HPI Schul-Cloud veranschlagt werden müssen, ist noch offen. Darüber hinaus erfüllt die HPI Schul-Cloud zahlreiche der notwendigen Anforderungen nicht. So ist der Verbreitung und die Community der HPI Schul-Cloud im weltweiten Vergleich sehr gering. Das Hosting wird von Experten als „sehr herausfordernd“ beschrieben. 

Die verfügbaren Werkzeuge sind sehr eingeschränkt und bisher nicht erweiterbar. Bereits 2018 hat Birgit Lachner die Werkzeuge von Moodle denen der HPI Schul-Cloud gegenübergestellt. Seit dieser Analyse hat sich in der HPI Schul-Cloud wenig getan. Stattdessen haben Mitarbeiter von HPI versucht, die Einschränkungen im Funktionsumfang als besondere Anwenderfreundlichkeit zu deklarieren. Der Artikel von Birgit Lachner ist inzwischen nicht mehr normal im Internet verfügbar, aber das Internet vergisst nichts. https://web.archive.org/web/20191002050910/https://www.superlehrer.de/2018/11/25/schulcloud-vs-moodle/

Der neueste Vorstoß ist die Ankündigung zur „Entwicklung einer nationalen Bildungsplattform“ aus dem BMBF von Ende April 2021. https://www.bmbf.de/_pressestelle/karliczek-startschuss-fuer-aufbau-einer-nationalen-bildungsplattform-14323.html


Unterstützung und Weiterentwicklung von Moodle mit öffentlichen Mitteln

Warum versucht man den nationalen Alleingang und nimmt man nicht die international etablierte Lernplattform Moodle, die alle Anforderungen erfüllt. Wenn man in eine solche bestehende Plattform die veranschlagten 150 Millionen Euro investieren würde. müsste man nicht bei Null anfangen.

Sollte es bei dem Projekt neben der Entwicklung einer eigenen Bildungsplattform primär um die Förderung deutscher Hochschulprojekte und/oder deutscher Softwareunternehmen gehen, so wäre dies bei einem Anknüpfen an die Lernplattform Moodle überhaupt kein Problem. Moodle ist vollständig kostenlos und Open Source. Moodle darf weiterentwickelt werden. Bei der Nutzung von Moodle fallen keine Lizenzen an.

Die weltweite Moodle-Community würde sicherstellen, dass die Weiterentwicklung hochrangig weltweit begleitet, diskutiert und reflektiert werden könnte. Ich habe in der Pressemitteilung des BMBF nichts gesehen, was gegen die Nutzung von Moodle als Basis sprechen würde, außer der Überbetonung des Nationalen.


Zu meiner Person
Ich bin Ralf Krause, bin seit fast 40 Jahren Lehrer für Mathematik, Physik und Informatik. Ich habe 32 an einer Gesamtschule in Dormagen unterrichtet und seit 2003 die Lernplattform Moodle eingesetzt. 

Als Gründungsmitglied des gemeinnützigen Vereins moodeSCHULE e.V. habe ich die Nutzung der Lernplattform Moodle im Unterricht gezeigt und kontinuierlich in der Lehrerfortbildung der Bezirksregierung Düsseldorf an andere Lehrkräfte, an Schulleitungen und Schulaufsicht weitergetragen. Mit dem Verein moodleSCHULE e.V. habe ich an mehreren nationalen Moodle-Tagungen als Referent teilgenommen und zahlreiche regionale Moodletreffs organisiert, an denen jeweils mehr als 150 Lehrkräfte teilgenommen haben. 

Das Ziel, jeder Schule in Deutschland ein eigenes Moodle zu ermöglichen, ist noch lange nicht erreicht, auch wenn mehrere Bundesländer inzwischen flächendeckend allen Schulen ihr eigenes Moodle anbieten oder wie in Bayern eine landesweite Moodle-Plattform mebis anbieten. Ich arbeite weiter daran, Schulen mit Moodle zu unterstützen. In die internationale Moodle-Community bringe ich mich seit Beginn an ein, u.a. als Ansprechpartner im deutschen und im internationalen Forum, als Maintainer für die deutschen Sprachpakete, als Paketentwickler für Moodle4Mac und als Unterstützer beim Projekt „MoodleBox“ auf dem Raspberry Pi.